Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum Fest des Hl. Martin von Tour 1990

11. November 1990 - St. Martin, Konstanz (Patrozinium der Pfarrei)

Zielsatz: Die Kirche hat der Welt nur eines zu bieten: Gott selbst.

1. Wen interessiert die Kirche schon?

  • An der Kirche meiner Gemeinde in Bonn kommen häufig Spaziergänger vorbei, die am Rhein entlang gehen. Am Samstag nachmittag oder am Sonntag finden immer wieder einzelne in die Kirche; obwohl die Architektur der Kirche wenig zu bieten hat. Sie stellen oder setzen sich hinter eine Säule und bleiben dort eine Weile. Oder zünden eine Kerze an. Dann gehen sie wieder. Viele von denen, haben sonst wohl nichts mit der Kirche zu tun.
  • Das diesjähriges Patrozinium hier in St. Martin steht im Zusammenhang mit einer "Pastoralen Initiative" im Erzbistum Freiburg: "miteinander kirche sein - für die welt von heute". Das ist ein schönes Thema:
  • Nur: Wen, außer uns selbst, interessiert das eigentlich? Und mal mit verhaltener Stimme gefragt: Wen von uns interessiert das eigentlich, wenn die Sonntagsmesse vorüber ist? Haben Sie, außerhalb der geschützten Zirkel innerhalb der Gemeinde je einmal über die Kirche gesprochen. Vielleicht schon. Gelegentlich, zaghaft. Aber auch, wenn Sie daheim oder unter Freunden über alles lieber sprechen als über den Glauben, wäre ich der Letzte, der nicht zugeben würde: ich kann das gut verstehen. Was haben wir denn wirklich zu bieten? Wir sollten doch froh sein, wenn uns "die Welt" einige geschützte Freiräume belässt. Wenn die Kirche nur wahrgenommen wird, wenn sich ein Papstzitat findet, mit dem man die Rückständigkeit des ganzen Ladens belegen kann - sollen dann ausgerechnet wir uns zu weit vorwagen. Gar meinen: Wir hätten "der Welt", "denen da" etwas zu bieten? "Die Welt", "die Leute", das sind wir zumeist ohnehin selbst, sind uns selbst fremd und tun uns ungemein schwer, zu benennen, was der Glaube für uns selbst zu bieten habe.

2. Gott interessiert die Kirche schon

  • "Die Leute" und "ihr", sind zwei Größen, die auch im Matthäusevangelium auftauchen. "Für wen halten die Leute den Menschensohn? - Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" Der Unterschied der beiden Antworten mag minimal erscheinen. Ob ich nun sage: "Du bist ein Prophet" oder "Du bist der Messias".
  • Doch eben hier liegt das einzige, was wir zu bieten hätten. In diesem formelhaften Bekenntnis des Petrus: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Von hier geht alles aus - oder es gibt nichts.
  • Wenn es die Kirche nicht gäbe, fänden sich zweifellos genug Verlage, die dieses Kulturbuch "Bibel" in Faksimile-Ausgaben auf den Markt brächten. Man würde es lesen, vielleicht sogar mit größerer Ehrfurcht als mancher heute. Aber niemand würde bekennen. Niemand würde ein Sanctus anstimmen: "Heilig bist Du, Gott", niemand ein Credo bekennen "Gott von Gott, Licht vom Licht, für uns Menschen und zu unserem Heil".
  • Von der Offenbarung bliebe nichts als ein kulturhistorisch interessanter Text, der sich vielleicht besonders für Selbsterfahrungsgruppen lohnt. Aber es gäbe niemand mehr, der uns sagt, dass wir von Gott selbst angesprochen werden, an ihn zu glauben und unser Leben von ihm verwandeln zu lassen.
  • Nichts anderes meint Jesus, wenn er Petrus bescheinigt: "Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel".

3. Bilden wir uns nicht zu viel darauf ein

  • Wenn wir der Kirche, sprich: uns nichts zutrauen, ist das kein Zeichen von Kleinmut, sondern ein Zeichen der Überheblichkeit! Als wären wir das Erste und das Entscheidende in der Kirche - ich mit meinem sittlichen Lebenswandel, ich meiner erhebenden Predigt, ich mit meiner sozialen Einstellung. Und doch sagt Jesus unmissverständlich: Nicht Fleisch und Blut, sondern mein Vater im Himmel.
  • Die entscheidende Botschaft des Evangeliums ist die Botschaft von der Menschwerdung Gottes. Dem gegenüber ist alles andere zweitrangig. Oder besser gesagt: Darauf ist alles hingeordnet und wir werden unseren eigenen Glauben nur in dem Maße verstehen, in dem wir uns immer wieder darauf beziehen.
  • Diese Menschwerdung ist ein von Gott gesetztes Faktum. Darum ist unser Glaube auch viel verlässlicher, als unser Kleinglaube es vermuten lässt. Darum ist unsere Hoffnung viel sicherer, als manchem scheinen mag. Das Entscheidende ist von Gott her geschehen, von ihm entschieden.
  • Von hier aus nimmt die Kirche ihren Weg. Und das, was folgt, ist mindestens so atemberaubend wie der Anfang. Die Verheißung an Petrus: "Auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen. Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein". Diese Verheißung an Petrus ist die Verheißung der bleibenden und verbindlichen Gegenwart Gottes in der Welt.
  • Nachdem Gott sichtbar, in der Gestalt des Menschen erschienen ist, bleibt er sichtbar und wirksam. Wir nennen das: Der Heilige Geist.

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4. Zum Patrozinium: Sankt Martin

  • Das Gedächtnis der Heiligen drückt genau dasselbe aus. Gott bleibt in der Gestalt des Menschen erfahrbar.
  • Ich gebe zu: Auch der Heilige Martin ist unserer Wirklichkeit Jahrhunderte weit entfernt. Dennoch, nicht nur, weil er mein Namenspatron ist, finde ich in seiner Biographie vieles von diesem Sichtbarwerden Gottes, was ich als Hilfe und Zielvorgabe für heutiges christliches Leben verstehe.

a) Der Mantel

  • Am bekanntesten ist die Erzählung vom halben Mantel. Sie spielt zu einer Zeit, als Martin bereits zu Christus gefunden hatte - gegen den Willen seiner Eltern übrigens. Diese Begebenheit - Martin teilt seinen Mantel mit einem Bettler und in der Nacht darauf erscheint ihm Christus selbst mit dieser Mantelhälfte bekleidet -, diese Begebenheit mag als leuchtendes Beispiel der Nächstenliebe gelten. In ihrem Kern steckt aber viel mehr.
  • Vom Pferd herab, als Reiter, mag sich Martin groß vorgekommen sein, als er seinen Mantel teilte, den Bettler damit wärmte. Er war nicht irgendein heruntergekommener Soldat, sondern ein Katechumene der christlichen Kirche. Aber das, was er tut, ist letztlich doch nur etwas Halbes: Er gibt ein Stück Mantel her; ein Gestus, eine Anekdote für spätere Legenden. Aber Gott nimmt diesen Gestus und stellt sich selbst, bekleidet mit der Mantelhälfte, vor Martin und macht ihm damit deutlich: Das Entscheidende ist nicht die soziale Tat; das Entscheidende ist nicht das Halbe, das Du gibst. Das Entscheidende ist, dass ich Dich ganz und gar, als Dein Schöpfer und Erlöser berufe und annehme.
  • Darin besteht der Unterschied zwischen einem gewohnheitsmäßigen Christentum und der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Gott selbst will unser ganzes Leben umwandeln. Der Gottesdienst am Sonntag will nur Ausdruck und Erinnerung dafür sein, dass Gott uns so zuinnerst ist, dass er unser ganzes Leben durchdringen kann. Er ist weder nur aufgetragener Lack, noch nur Verschalung. Er ist der lebendige Gott, der sich im Menschen ausgedrückt und jedem Atemzug, den wir tun, zuinnerst ist.
  • Gott ist nicht der halbe Mantel, er ist der Gott, der sich zum Bettler gemacht hat, um uns nahe zu kommen, um so, Schritt für Schritt unser Leben von innen her zu erfüllen.
  • Als ich vor zwei Wochen einer Gruppe Firmlinge die Aufgabe stellte, das Idealbild eines Christen zu malen, kamen sie auf keine bessere Idee, als einen Mönch oder eine Nonne zu beschreiben. Zugegeben: auch Martin ist Mönch geworden. Wenn das aber dazu dient, konkretes Christentum möglichst weit von meinem Leben wegzuschieben, müßte man fast bedauern, dass Martin Mönch geworden ist.. Denn das Mönchstum ist weit weniger "typisch christlich" als der Glaube, dass Gott die lebendige Mitte seiner Schöpfung ist und deswegen jedes Leben von ihm erfüllt werden kann. Nicht der Gottesdienst, sondern die Ausstrahlung des Sonntags in die Woche ist das typisch christliche. Oder sollte es zumindest sein. "Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel".

b) Der Ort der Christusbegegnung

  • Die erste Erfahrung, die Martin machte, war also: Der Glaube geht mein ganzes Leben an. Die zweite Erfahrung war: Mein Christsein spielt sich in der Kirche ab.
  • Sein Ideal sah ganz anders aus: Einsiedler zu sein. Das Heil der eigenen Seele suchen, nannte man das damals. Selbstverwirklichung nennt man das heute. Die Kirche - damit habe ich nichts zu tun. Natürlich hat sie irgendwo mein Wohlwollen. Aber andererseits ist die Liste dessen, was man ihr ankreiden kann viel zu lang, als das ich das ertragen könnte.
  • Aber Martin wird von dieser Kirche geholt. Die Stadt Tours brauchte einen neuen Bischof und Martin war ihr Mann. Vielleicht war es wirklich Bescheidenheit, dass er sich im Gänsestall versteckte, um nicht zum Bischof gewählt zu werden. Aber vielleicht wollte er auch sein heiliges Leben nicht mit der korrupten und oberflächlichen Kirche beflecken.
  • Das Verhältnis, das ich zur Kirche habe, ist aber ganz unmittelbar auch das Verhältnis, das ich zu Gott habe. Er ist es, der auf den Felsen Petrus seine Kirche gebaut hat. Die Kirche ist die Weise, in der Gott gegenwärtig sein wollte. Wenn ich mich auf Gott einlasse, komme ich an der Kirche nicht vorbei.
  • Um es noch einmal schärfer zu sagen: Wenn ich mich von der Kirche distanziere, ist dies nichts anderes als der Hochmut, zu glauben ich sei besser als die anderen. Es gibt viele Gründe in der Kirche heute, mit ihr zu brechen. In vergangenen Jahrhunderten gab es sogar noch weit mehr. Aber es gibt einen Grund, in ihr mein Heil zu sehen: Diese Kirche der Sünder ist die Weise, in der Gott gegenwärtig ist. "Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel".

c) Wie man Heiliger wird

  • Es ließe sich noch viel an der Martins-Biographie zeigen. Eines noch ist mir wichtig, weil darin klar werden kann, was wir Christen der Welt von Gott her geben können. Das ist das Sterben.
  • Martin ist der erste Heilige der Kirche, der nicht als Märtyrer gestorben ist. Bis dahin galt das Martyrium als der normale Tod eines guten Christen. Denn bis dahin wurden die Christen, mehr oder weniger, mit der Hinrichtung bedroht. Zu sterben war damit identisch, für seinen Glauben ein Zeugnis abzugeben.
  • Vielleicht kann sich mancher der Älteren die Sehnsucht vorstellen, die die frühen Christen hatten, als Märtyrer zu sterben. Wie viel schwerer ist es, alt zu werden, gebrechlich. Wie schwer ist es, zu sterben.
  • An diesem Extrempunkt des Lebens zeigt sich ob unser Glaube nur "Fleisch und Blut" ist, oder ob er einen "Vater im Himmel" hat. In einer Zeit, die viele schmerzmildernde Mittel erfunden hat und die Krankheit und den Tod hinter weißgetünchte Wände abschiebt, wird die Weise des Sterbens zum unterscheidend Christlichen.
  • Man mag darüber klagen, dass zu wenig junge Leute in die Kirche kommen. Aber vielleicht haben wir damit schon ein Stück unseres Glaubens an den Kult der Jugendlichkeit verkauft.
  • Mir, als verhältnismäßig jungen Menschen, hat nichts ein so klares Zeugnis von Gott gegeben wie die Gnade, einen Menschen im Sterben begleiten zu dürfen, bei dem die Hoffnung auch im Schmerz noch standhielt. Das kann uns nicht Fleisch und Blut offenbaren, sondern nur der lebendige Vater Jesu Christi.

5. Vertrauen

  • Ja, wir haben der Welt etwas zu bieten. Nichts was wir machen könnten. Keine Dialogbereitschaft und keine Caritas - so löblich diese sind. Sprechen wir einfach von Gott. Er allein ist es, den diese Welt und wir in ihr so nötig haben.
  • Dabei ist es sehr tröstlich, zu wissen, dass Petrus, der Fels, auf dem die Kirche gebaut ist, von sich aus auch nicht darauf gekommen ist. Als Jesus ihm ankündigt "er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden und getötet werden" versucht Petrus ihn davon abzubringen. Die Gedanken der Menschen enden dort, wo der Tod uns mit seinem Schrecken bedroht. Der Satan, Jesus sagt das ganz deutlich, hält uns mit dieser Angst in Schach.
  • Das Entscheidende leisten nicht wir. Das Entscheidende ist Gott selbst, der für uns da ist. Wenn wir die Freiheit, die in dieser Botschaft steckt atmen, hat die Kirche für der Welt von heute den größten Dienst getan. Wenn wenigstens die Christen anfangen, nicht aus der Angst um sich selbst zu leben. Wenn es uns wichtiger ist, in der Wahrheit zu sein, als recht zu behalten. Wenn wir sterben können, weil wir leben werden. Wenn wir lieben können, weil wir geliebt werden. Wenn wir großzügig sein können, weil unser Gott groß ist.
  • Dies ist das Geheimnis unseres Glaubens: Seinen Tod verkünden wir und seine Auferstehung preisen wir. Bis er kommt in Ewigkeit. Amen.