Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit Lesejahr A 2008 (Apostelgeschichte)

4. Mai 2008 - Universitätsgottesdienst St. Antonius, Frankfurt

1. Freiheit ist eine Illusion

  • Freiheit ist eine Illusion. Dies zumindest folgern manche aus der neueren Hirnforschung. Wie genau das Gehirn funktioniert, davon hat auch die allerneuste Hirnforschung wenig Ahnung. Aber sie wissen, was wann wo funkt. Und so haben sie festgestellt, dass es im Hirn schon funkt, noch bevor sich die Testperson bewusst entschieden hat. Da 'das Gehirn' schneller entscheidet als 'der Mensch' wird schlussgefolgert: Wir seien gar nicht frei. Das Gehirn hat schon entschieden.
  • Erstaunlich viele Leute hat das verunsichert. Die bunten Bilder der Hirnforschung beeindrucken. Aber wer sich davon beeindrucken lässt, übersieht, wie wenig originell die angeblich neue Erkenntnis ist. Denn wer von uns würde denn behaupten, dass wir Menschen einfachhin frei sind, dieses oder jenes zu tun. Jeder von uns kann Erfahrungen benennen, wo wir in etwas hineingeschlittert sind und etwas getan haben, was wir in dem Augenblick gar nicht gewollt haben. Wer sich Illusionen über die Freiheit des Menschen gemacht hatte, sollte schleunigst desillusioniert werden.
  • Frei sind wir nur bedingt. Freiheit bedeutet Anstrengung. Wir müssen uns freischwimmen von Gewohnheiten und eingefahrenen Reflexen. Der Mensch ist nicht das wendige Schnellboot, das wir manchmal sein wollen. Wir sind oft schwerfällige Tanker. Um die Richtung zu wechseln müssen wir das große Ruder drehen und an der neuen Richtung arbeiten. Von alleine funkt nur irgendetwas reflexartig im Gehirn. Um von unserer Personmitte frei bestimmen zu können, wer wir sind, müssen wir uns unser Tun zur Gewohnheit machen - und unliebsame Gewohnheiten konsequent bearbeiten.

2. Beten ist eine Gehirnfunktion

  • Die reißerische These von der Widerlegung der Freiheit findet sich natürlich nicht bei ernstzunehmenden Hirnforschern, sondern nur in deren Verwurstung zu bunt bebilderten Artikeln in Hochglanzzeitschriften und Nachrichtenmagazinen. Aber so erreicht das Bewusstsein eine breitere Öffentlichkeit, was eine Selbstverständlichkeit sein könnte: Dass wir mit unserem Hirn denken (so wir denn denken). Und dass jeder Gedanke und jedes Gefühl selbstverständlich etwas mit unserem Leib zu tun haben, mit den Organen, mittels derer wir denken und fühlen.
  • Logisch, dass auch Beten mit Gehirnströmen zu tun hat. Wie sonst hätten wir uns das vorgestellt? An diesen Themen merkt man, wie viel unchristlicher Dualismus sich in unsere Vorstellungen eingeschlichen hatte, als gäbe es für uns auf Erden Wandelnde eine andere Seele als die, die uns zusammenfasst als Leib-Geistiges Wesen. Unsere Seele ist nicht irgend etwas zusätzlich zu Leib und Geist. Unsere Seele sind wir, wie wir sind und geworden sind. Das ist doch das Wunder der Auferstehung, dass Gott unser Fleisch auferweckt. Und in unserem Fleisch beten wir hier.
  • Auch das kann die moderne Hirnforschung beobachten. Erklären kann sie es nur mit vielen Wenns und Vielleichts. Aber man kann sehr klar sehen, wie Meditation etwa die Aktivierung von Gehirnfunktionen bewirkt ("Gamma-Oszillationen mit großer Amplitude", falls Sie es genau wissen wollen), die eindeutig mit Aufmerksamkeit zu tun haben. Oder man beobachtet, dass gewisse religiöse Gemütsbewegungen mit der Tätigkeit eines bestimmten Schläfenlappens korreliert (daher lakonisch der "Gotteslappen" genannt). Wer darüber schockiert ist, sollte sich überlegen, wie er sich bisher Gebet vorgestellt hat: als etwas Außerirdisches, das nichts mit uns Menschen zu tun hat?

3. Der Heilige Geist hat Ahnung von Neurophysiologie

  • Was macht dann der Heilige Geist? Greift er an Pfingsten in die Gehirnstruktur und Gehirnfunktionen der Apostel ein? Nun, ausschließen würde ich das nicht. Zumindest die altmodisch pseudoaufklärerischen Theorien, wonach Gott natürlich keine Wunder in der physischen Welt wirke, sondern Wunder nur bewusstseinsmäßig seien, dürften etwas ins Schwitzen kommen. So lange wir auf Erden sind, braucht unser Bewusstsein die Kohlenstoffbasis. Ich würde nicht ausschließen wollen, dass Gott bei Bedarf auch ein paar Synapsen mehr schaltet als wir uns das so denken.
  • Wesentlicher aber ist die Kontinuität. So wie mein Handeln zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht einfachhin frei ist, sondern bestimmt ist durch das, was ich gewohnheitsmäßig tue, so ist es auch mit dem Heiligen Geist. Nicht an uns vorbei schenkt uns Gott seinen Geist. Wir dürfen uns das daher durchaus konkret vorstellen. Gott mag durch ein Wunder einen Anschub geben. Vielleicht ist der Anschub aber in jedem Leben da. Es kommt dann darauf an, sich schieben zu lassen. In der Lesung aus der Apostelgeschichte steht denn auch der für mich zentrale Satz: "Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet." Die Geist-Explosion von Pfingsten ist vorbereitet durch das Gebet der Kirche. Sie ist keine Vergewaltigung von oben.
  • Deswegen können wir nur als betende Kirche Pfingsten feiern. Nur als betende Kirche können wir den Heiligen Geist empfangen. Es ist an uns, unsere Aufmerksamkeit zu schärfen, Gewohnheiten langsam in die richtige Richtung zu bewegen, damit die Begegnung möglich wird: In unserem Fleisch erfahren wir die alles verwandelnde Gegenwart Gottes. Amen. 

Zum Nachlesen über Gehirnforschung, Freiheit und Meditation drei Links:

Spiegel Spezial Studie nährt Zweifel an freiem Willen
Wolf Singer in der FAZ vom 2. Mai 2008
Interview mit John R. Searle