Predigten von P. Martin Löwenstein SJ

Predigt zur Hochzeit - Ps 91 - Gott ist uns Burg,

Die Hochzeit findet auf einem Wasserschloss in der Nähe der Grenze zu den Niederlanden statt - daher einige Anspielungen im Text.

1. Schutzburg

  • Wasserschlösser wurden ursprünglich nicht aus romantischen Anwandlungen heraus gebaut und auch nicht aus ökologischen Gründen, auf dass die Stechmücken es nicht so weit haben. Vielmehr waren Wasserschlösser im Flachland die einzige Chance, sich in Sicherheit zu bringen, wenn marodierende Truppen durchs Land zogen. Der Auftritt der Oranje auf südafrikanischem Rasen lässt ahnen, wie berechtigt der Bau einer Wasserburg am Niederrhein so nah an der Grenze war. Nur in der Burg war man sicher vor Mord und Totschlag.
  • "Als einer, der im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, sage ich zu JHWH: 'Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.'" Mit diesem Bekenntnis beginnt Psalm 91, den sich das Brautpaar als erste Lesung ausgesucht hat. Dabei habe ich gar nicht den Eindruck, dass sie so sehr bedrängt und verfolgt leben, wie dies im Gebet von Psalm 91 als Situation vorausgesetzt ist. Kein Jäger, der Euch beiden Schlingen legt, keine Feinde, die Euch bedrängen (nur die liebe Verwandtschaft!). Wahrscheinlich haben Martin und Susanne bei der Textauswahl auch gar nicht an eine Wasserburg gedacht.
  • Und trotzdem ist es ein guter Text für diesen Tag.
  • Denn erstens sagt er Euch: Selbst wenn! Selbst wenn es ganz ungemütlich wird, dann gibt es ein Wasserschloss, in das ihr Euch zurück ziehen könnt. Selbst wenn andere Euch Fallen stellen wollen wie einem Jungvogel, dann gibt es den Einen, der seine Flügel über Euch breitet, wie ein Adler über seine Jungen.
  • Und zweitens erinnert der Text uns alle an einem Tag wie diesem daran, wie wenig selbstverständlich das Glück ist, in Frieden und Sicherheit zu leben. Im Psalm 91 wird in einigen Formulierungen auf den Tempel angespielt. Damals war der Tempel noch mehr als heute eine Kirche Zufluchtsort und bot den Verfolgten Asyl. Ich finde es gut, dass in unserem Beten heute hier bei der Hochzeit das Gebet derer mitklingt, die ohne Haus und sichere Heimat sind. Sie erinnern uns daran, wie wichtig es ist, bei allem, was uns passieren mag, den "Tempel Gottes" in unserem Herzen zu tragen.

2. Nicht Sorgen

  • Das ist nicht so selbstverständlich, den "Tempel Gottes" in unserem Herzen zu tragen. Es könnte sein, dass da im Herzen schon kein Platz mehr ist, weil Geld, Ansehen oder Macht ihren Tempel schon im Herzen haben und angebetet werden wollen. Ganz eindeutig sagt Jesus dazu "Niemand kann zwei Herren dienen" (Mt 6,24a). Und darauf folgt der Abschnitt, den das Brautpaar sich als Evangelium für heute ausgesucht hat: "Macht euch keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?".
  • Es ist nicht schlecht, etwas zu essen und zu trinken zu haben und nicht in Lumpen herumlaufen zu müssen. Aber wenn die Sorge darum das Herz gefangen nimmt, dann wäre die Falle zugegangen. Es ist nicht schlecht, gesund zu sein, aber für wen Gesundheit das höchste Gut ist, der geht dafür auf kurz oder lang über Leichen. Es ist nicht schlecht, bei den Menschen gut angesehen zu sein, aber für wen Ansehen an erster Stelle steht, der lässt sich schnell verbiegen.
  • "Macht euch keine Sorgen" ist der Zuspruch Jesu; lasst Euch durch Sorgen nicht verbiegen und klein machen. Und Jesus geht sogar weiter, weil er sagt: Ihr habt es gar nicht nötig, Euch um Wohlstand oder Ansehen Sorgen zu machen, denn ihr seid nicht allein in dieser Welt, zerstreut unter die Völker ("Heiden" übersetzt unser Text). Vielmehr gibt es einen Ort für seine Jünger, an dem sie Zuflucht haben, eine Gemeinschaft, auf die sie bauen können: Gott ist ihr Vater. All jene, die sich auf den Ruf einlassen, sich zu allererst um die Königsherrschaft Gottes und um die Gerechtigkeit zu mühen, werden eine Solidarität erfahren, die Sorgenmenschen sich gar nicht vorstellen können.

3. Eure Burg

  • Die Zufluchts-Wasserburg für Susanne und Martin wird heute gebaut. Es gibt Vorarbeiten: Die beiden kennen sich schon länger und haben an ihrer Beziehung gebastelt. Aber heute geschieht Entscheidendes: Indem die beiden Ja zu einander sagen, sagt Gott Ja zu ihrer Gemeinschaft.
  • Ein Tempel, der Asyl gewährt, eine Burg, in der das falsche Sorgen entmachtet wird, entsteht heute, weil durch Euer Vertrauen in einander der Zuspruch Gottes aus dem Psalm wirksam wird: "Weil sie sich an mich binden, will ich sie retten; ich will sie schützen, denn sie kennen meinen Namen. Wenn sie zu mir rufen, dann will ich sie erhören. Ich bin bei ihnen in der Not, befreie sie und bringe sie zu Ehren. Ich sättige sie mit langem Leben und lasse Susanne und Martin mein Heil schauen."
  • Wasserburgen sind heute nicht mehr uneinnehmbar. Im Gegenteil werden die Leute als Touristen gelockt. Eure Ehe, Martin und Susanne, genauer: Eure werdende Familie soll Euch eine Burg sein, in der ihr ganz konkret erfahren könnt, dass Ihr einander vertrauen könnt. Mit Euch beten wir darum, dass bald auch andere bei Euch dieses Vertrauen lernen. Dies aber eben nicht, weil Ihr Euch abschottet, sondern weil Eure Burg fest und offen zugleich sein soll: Fest, weil Gottes Reich und seine Gerechtigkeit die einzig lohnende Sorge ist; offen, denn ihr werdet erfahren, dass in den Menschen, die zu Euch kommen, Euch so viel Liebe begegnet, die der Gott Euch schenken will, der heute Eure Gemeinschaft segnet. Amen.